Hoerspielkritik.de<p><strong>Untergründige Melancholie</strong></p><p><em>Zu seinem 90. Geburtstag am 24. März wollte der Schweizer Rundfunk dem großen Erzähler Peter Bichsel ein Hörspiel schenken. Es ist ein Abschiedsgeschenk geworden. Am 15. März ist Peter Bichsel gestorben. <a href="https://www.srf.ch/audio/hoerspiel/premiere-nichts-besonderes-von-peter-bichsel?id=AUDI20250317_NR_0041" rel="nofollow noopener noreferrer" target="_blank">„Nichts Besonderes“</a> heißt das 52-minütige Stück, das der Hörspieldramaturg und -regisseur Reto Ott aus Texten von Bichsel zusammengestellt hat.</em></p><p><strong>Peter Bichsel: Nichts Besonderes</strong></p><p><strong>SRF 1, 17.03.2025 14.05 bis 15.00 Uhr</strong></p><p>Obwohl es nur eine Handvoll Hörspiele von Peter Bichsel gibt – angefangen bei der „Inhaltsangabe der Langeweile“ von 1972 – hat sich einer seiner Texte ins akustische Gedächtnis eingeschrieben. Es ist die Kurzgeschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“, die er 1971 für die Kinderschallplatte „Warum ist die Banane krumm?“ des Wagenbach-Verlags selbst eingelesen hat. Auf der Platte waren auch Günter Bruno Fuchs, Günter Herburger, Ernst Jandl, Reinhard Lettau, Christa Reinig und Peter Rühmkorf vertreten. Musikalisch wirkten Wolf Biermann und Floh de Cologne mit.</p><p>„Ich bin müde, ich will ins Bild“, hieß es in dieser Kurzgeschichte. Der alte Mann, der dort will, dass sich alles ändert, beginnt mit der Neuordnung seiner Welt, die eine Neuordnung der Sprache ist. Er nennt den Tisch nun Teppich, den Stuhl Wecker, das Bett Bild und tauscht im Laufe der Geschichte auch noch die Verben aus. Es ist eine traurige Geschichte, die mit dem Verstummen des alten Mannes endet.</p><p>Die Texte, die Reto Ott für sein Hörspiel ausgewählt hat sind aber allesamt jüngeren Datums und stammen aus den Sammlungen „Zur Stadt Paris“, „Die schöne Schwester Langeweile“, „Das Mädchen mit der Zitrone“, „Mit freundlichen Grüßen“ und „Der Busant“. Was sie trotzdem mit dem alten Mann aus „Ein Tisch ist ein Tisch“ zu tun haben, ist die untergründige Melancholie, die unter einer komischen Oberfläche lauert – wie beispielsweise auch in den absurden Miniaturen eines Daniil Charms.</p><p><strong>Lebensgeschichten in Rückschau</strong></p><p>Was alle im Hörspiel versammelten Geschichten miteinander verbindet, ist die Form der oft in der Rückschau erzählten Lebensgeschichten. „Damals, als ich noch keine Biografie hatte“, beginnt die Erzählung des Mädchens mit der Zitrone und setzt sich fort mit der Frage, ob man die Biografie gelebt habe oder nicht umgekehrt die Biografie einen selbst. „Leben könnte etwas anderes sein als Biografie“, endet die verknappte Reflexion. Aber natürlich ist das Leben hier nichts anderes als eine Erzählung, weil es etwas Aufgeschriebenes ist, eine (biografische) Geschichte eben.</p><p>„Und in Geschichten wird man etwas“, heißt es in der Erzählung „Hugo“, in der die Titelfigur ins Engadin geschickt wird, um das Arbeiten zu lernen: „Nicht einen Beruf, nur das Arbeiten.“ Hugo ist damit unzufrieden und wird kurzentschlossen Laborant bei der Chemiefirma Ciba. Von da an verzweigt sich sein Lebenslauf in verschiedene Konjunktive. Er könnte die Matura nachgeholt haben, er könnte Fußballschiedsrichter geworden sein, er hätte Fremdsprachen wie Haussa und Altslawisch, Gälisch und Katalanisch gelernt haben können – doch „seine Geschichte ist das nicht“, lautet der Refrain des Erzählers.</p><p>Eine andere Geschichte handelt von dem „Der da sitzt in seinem Haus“. Als Sohn eines jähzornigen Vaters, der allerdings nie in seinem Leben einen Jähzorn-Anfall hatte, entwickelt sich sein Leben vorteilhaft. „Unnötig zu erwähnen, dass er reich geworden ist – unnötig zu erwähnen, wie und weshalb.“ Nur glücklich wird er nicht.</p><p><strong>Keine Herren ihrer Geschichte</strong></p><p>Es sind beiläufige Sätze, aus denen hervorgeht, dass Bichsels Figuren nicht Herren ihrer Geschichte(n) sind. Da ist zum Beispiel die Figur namens Robinson, die ihr Leben protokollarisch aufzuzeichnen beginnt, weil ihr die Welt langsam entgleitet. Die Stimmen aus dem Radio sind ihr noch bekannt, aber sie haben keine Namen mehr. Und plötzlich taucht da unvermittelt ein Satz auf, den man nicht hat kommen sehen: „Ich hätte nie auf Leute geschossen.“ Es war ihm unverständlich, wie das Gewehr neben das Fenster gekommen war: „Abends räumte er es weg, morgens stand es am Fenster.“ Irgendwann in der unheimlichen Geschichte erinnert er sich an Fußgänger, die tagsüber fehlten – und wartet auf die Polizei.</p><p>Reto Ott hat die Geschichten auf vier Männerrollen (Mario Fuchs, Martin Butzke, Thomas Douglas, Peter Kner) und drei Frauenrollen (Jeanne Devos, Frau Carina Braunschmidt, Suly Röthlisberger) verteilt. Mit Gottfried Breitfuß hat er außerdem eine Art Erzählerinstanz installiert. Die flächigen Klänge von Haruka Nakamura, Kita Kouhei, Taylor Deupree, Hans Hassler und Hans Koch, die der Regisseur unter die Texte montiert hat, funktionieren ähnlich wie die Texte von Bichsel: Sie wiegen einen in eine trügerische Sicherheit. Mal erfüllt die Tonspur die Erwartungen an ein literarisches Hörspiel (Piano, Saxofon, Akkordeon), mal nimmt sie jene Stimmungen vorweg, in denen das Leise das Laute übertönen kann.</p><p>„Nichts Besonderes“ wurde auf dem mittäglichen Hörspieltermin um 14 Uhr auf der populären Welle SRF 1 urgesendet – und nicht im Kulturprogramm von SRF 2. „Es gibt Menschen, denen man nur kurz begegnet und von denen man plötzlich nach Monaten oder Jahren weiß, dass sie irgendwie mit einem zu tun haben, in die eigene Biografie eingegriffen haben, ohne dass bei dieser einmaligen Begegnung irgendetwas Besonderes geschehen wäre“, heißt es im Stück – und manchmal finden solche Begegnungen auch im linearen Radio statt.</p><p>Jochen Meißner, KNA Mediendienst, <a href="https://www.kna-news.de/views/b2b/thema-details.jsf?nh=gqludo.3&pm4j=%7B%22sec%22%3A%22MEDIENDIENST%22%2C%22cat%22%3A%22MediendienstNMK%22%2C%22navi.backPos%22%3A%22th41398630%22%2C%22moid%22%3A41398630%7D" rel="nofollow noopener noreferrer" target="_blank">20.03.2025</a></p><p> </p><p><a rel="nofollow noopener noreferrer" class="hashtag u-tag u-category" href="https://hoerspielkritik.de/tag/nichts-besonderes/" target="_blank">#NichtsBesonderes</a> <a rel="nofollow noopener noreferrer" class="hashtag u-tag u-category" href="https://hoerspielkritik.de/tag/peter-bichsel/" target="_blank">#PeterBichsel</a> <a rel="nofollow noopener noreferrer" class="hashtag u-tag u-category" href="https://hoerspielkritik.de/tag/srf/" target="_blank">#SRF</a></p>