Folgen

Gas ist übrigens nicht viel klimafreundlicher als Kohle.

Zwar entsteht beim Verbrennen von pro Energieeinheit weniger als bei der , aber (was oft nicht mit eingerechnet wird) es entweicht bei der Produktion und dem Transport eine gewisse Menge direkt, und Methan ist als Treibhausgas wesentlich potenter als Kohlendioxid (30- bis 80-mal, je nach Zeitraum).


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Wie viel bei der Produktion und dem Transport von Gas in die Atmosphäre entweicht, ist schwer zu sagen und hängt von vielen Faktoren ab.

Viele (vor allem ältere) Schätzungen beruhen darauf, die Zahl der von der Industrie erkannten Gaslecks zu zählen. Heute misst man aber auch die Verteilung von Methan in der Atmosphäre direkt (sowohl durch Netzwerke von Messtationen als auch von Satelliten) und kann daraus auf die Quellen schließen.

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Also die Schätzungen darüber, wie viel bei der Gasproduktion entweicht, reichen von vielleicht 1% bis zu etwa 10%. Mir scheint 5% als Faustregel ganz gut.

Methan hat ein Treibhausgaspotenzial von 20 (über 100 Jahre gerechnet) bis 80 (über 20 Jahre gerechnet), d.h. jedes Molekül Methan wirkt so stark auf das Klima wie 20-80 Moleküle Kohlendioxid.

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Bei 5% Verlust und Treibhauspotenzial von 80 muss man also zu je 95 Molekülen Kohlendioxid (CO2) durch die Gasverbrennung selbst nochmal die Wirkung von 5*80 = 400 (!) Molekülen CO2 durch den direkten des Methans hinzurechnen.

Also 100 Gasmoleküle entsprechen in der Treibhauswirkung (über 20 Jahre) nicht 100 CO2-Molekülen, sondern um 500, also das Fünffache.

Rechnet man über 100 Jahre, ist die gesamte Treibhauswirkung immer noch etwa doppelt so hoch.

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Jetzt wird's politisch.

Während das Kohlendioxid aus der Verbrennung von Gas in Deutschland anfällt, entstehen die Methanemissionen in den Herkunftsländern (und zählen daher im deutschen Budget nicht mit) bzw. bei LNG beim Transport auf See, sodass sie gar keinem Land zugerechnet werden.

Wir exportieren also das Klimabudget in andere Länder und stehen besser da.

(5/n)

Also: Betrachtet man Deutschland separat, dann ist Gas für unser Klimabudget besser als Kohle, weil bei der Verbrennung pro Energieeinheit weniger CO2 entsteht.

Global betrachtet (und das muss man beim Klima tun) ist die Verbrennung von Gas aber wohl schlechter als Kohle, weil durch die Gasproduktion in anderen Ländern viel Methan emittiert wird.

(6/n)

Man kann nun beim Gas auch noch weiter differenzieren.

Traditionelles Erdgas in (gut gewarteten) Pipelines hat vergleichsweise wenig Verluste

Die Gasgewinnung aus Fracking bringt viele Methanemissionen, da man das Entweichen aus den vielen kleinen Bohrlöchern nicht gut kontrollieren kann.

Der Transport als Flüssiggas ist ebenfalls sehr verlustreich; es wird gekühlt und dabei verdunstet immer was.

(7/n)

(Bin gleich zuende, sorry für die Länge...)

Aus diesen Gründen ist es für das Klima überhaupt keine gute Idee, jetzt verstärkt auf Flüssiggas (LNG) zu setzen, das auch noch zu großem Teil aus Fracking stammt oder aus Ländern, in denen Anlagen nicht immer gut gewartet werden und es viele Verluste gibt.

(8/n)

Besonders problematisch finde ich auch, dass wir durch den Ausbau von LNG auch wieder ein neues Lock-In erschaffen.
D.h., weil all diese neuen Investitionen in Gasanlagen sich nur langfristig lohnen, binden wir uns wirtschaftlich wieder für Jahrzehnte an die falsche Energiequelle. Auch wenn der Krieg endet, werden die neuen Gasfelder ja nicht wieder stillgelegt.

(9/n)

Jetzt kommt eine unschöne Folgerung...

Wenn wir kurzfristig (!) nicht durch den intensiven Ausbauer erneuerbare Energie und Energiesparen durchkommen, dann scheint es mir tatsächlich sinnvoller, die bestehenden Kohlekraftwerke länger laufen zu lassen als neue Gasquellen zu erschließen.

Denn für das Klima macht Gas vs. Kohle wenig Unterschied, doch beim Gas, aber nicht der , gibt es einen Lock-In für Jahrzehnte.

Das darf natürlich nur eine Notlösung sein.

(10/Ende)

Es kam die berechtige Frage zu Quellen, insbesondere für die Abschätzung von 5% (bzw. 1% bis 10%) Verlust von Methan bei er Gasproduktion. Die Zahl hatte ich aus dem Gedächtnis aus verschiedenen Gesprächen bei Seminaren in einem Projekt über Treibhausgase zitiert.

Hier ist aber ein Fachartikel, der aber etwas Nachrechnen erfordert (nächster Tröt):

Saunois, u. a. „The Global Methane Budget 2000–2012“. Earth System Science Data 8, Nr. 2 (12. Dezember 2016): 697–751. doi.org/10.5194/essd-8-697-201.

Der Artikel aus dem letzten gibt (Tab 2) etwa 80 Tg (Teragramm, Mrd. Kilogramm) Methanemission pro Jahr nur aus der Gas- und Ölindustrie.

Die weltweite Gasproduktion ist um 4000 Mrd. Kubikmeter, also etwa 3000 Mrd Kg oder 3000 Tg.

Das ergibt 80/3000 = 2,7%.

Das sind aber "bottom-up"-Schätzungen", also die aus Indstrieangaben zusammenaddierten Werte. Es gibt viele Hinweise, dass sie die Menge deutlich unterschätzen.

Wir wollen natürlich genaue Daten, aber die grundlegende Folgerung hängt nicht davon ab, ob es nun 3% oder 5% sind; das Grundproblem ist, dass, wenn man die Methanemissionen mit einrechnet, Gas für das Klima nicht besser ist als Kohle; sondern eher gleichauf oder sogar schlechter.

Dies sind auch weltweite Daten, es ist zu erwarten, dass bei den Quellen, die neu erschlossen werden (Fracking, weniger strikte Länder usw.) die Bilanz schlechter ist.

@StephanMatthiesen du hattest neulich mal um Rückmeldung gebeten. Ich lese deine Threads gerne, egal zu welchem Thema. Ich mag deinen sachlichen, unaufgeregten Stil, mir Themen näherzubringen, die ich bisher nicht auf dem Schirm hatte. Danke dafür

@StephanMatthiesen Danke für die sehr transparenten Argumente.
Was mir bei #habeck und Co aktuell fehlt ist die Diskussion, was man an Sofortprogrammen mit Erneuerbaren und Einsparungen umsetzen könnte, um die Diskussion "welches Fossil nutzen wir weiter" schneller beenden zu können.
Kannst du dazu nicht auch so eine schöne Argumentesammlung zusammenstellen - ob das überhaupt geht, und wenn ja, wie?
😉😉😉 (ich weiß, ist eine freche Anfrage)

@markus_quandt @StephanMatthiesen habe keine Sammlung, finde aber einen Blick auf die Größenordnungen wichtig: Im Schnitt wurden in DE in den letzten Jahren ~120 TWh Windstrom pro Jahr eingespeist. Allein unsere Gasexporte aus Russland sind um um den Faktor 10 größer (1300 TWh).

Klar ist das Äpfel und Birnen, weil Gas auch zum Heizen/für Industrieprozesse genutzt wird, die aber zukünftig verstromt werden sollen (Wärmepumpen, H2-Produktion). Zeigt aber: "mal schnell" geht der EE-Totalumbau nicht

@pikarl @markus_quandt
Da müsste ich auch erst recherchieren; die Größenordnungen habe ich ähnlich im Kopf.

Bei allem ist natürlich klar, dass wir von allen fossilen Brennstoffen so schnell wie möglich weg müssen; es war also kein Plädoyer für die Kohle. Aber wir können die falschen Weichenstellungen der Vergangenheit ohne Zeitmaschine nicht mehr ändern, also irgendwelche Notlösungen müssen her, sollten aber gegeneinander abgewogen werden.

@StephanMatthiesen @pikarl
Dann ist auf der politischen Ebene die kurzfristig wichtigere Diskussion also nicht "wieviel Erneuerbare kriegen wir doch schnell hin", sondern "wieviel Industrie und Wohlstand müssen wir schon jetzt opfern" (statt später, wenn wir null Wahlmöglichkeiten und Geld mehr haben und noch tiefer im Dauer-Krisenmodus sind).

@markus_quandt @pikarl
Tja, das ist eine ganz schwierige Diskussion. Es ist ja nicht so, dass die Industrie irgendwie abgehoben von der Gesellschaft ist, sondern wir alle hängen auch davon ab, so wie das System ist.

@StephanMatthiesen @pikarl Oh, absolut. Ich meinte nur, dass zuerst einzelne Industriezweige vor die Hunde gehen werden, und wir dann alle den Wohlstandsverlust und die sozialen Spannungen erfahren werden... Da das aber unvermeidlich ist, sollte man versuchen, es politisch zu begleiten.

@StephanMatthiesen @pikarl Und man sollte auch versuchen, den Zeitverlauf des wirtschaftlichen Rückgangs zu beeinflussen. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass wir lieber früher damit anfangen sollten, solange wir noch Mittel haben, einige Folgen zu dämpfen, bevor es sonst absolut krisenhaft wird.

@markus_quandt @pikarl
Ja, so früh wie möglich handeln wäre das richtige. Wir haben schon viel zu viel Zeit verloren (aber ohne Zeitmaschine hat's wenig Sinn, noch darüber zu klagen...) und irgendwann kommt dann der Punkt, an dem es unausweichlich zu radikalen Umwerfungen kommt.

@pikarl @StephanMatthiesen
Das ist ja schon mal eine sehr wichtige Kernzahl.
Die Modellierer müssten jetzt also über Ausbauraten und Einsparquoten p.a. unterschiedliche Annahmen durchspielen, um denkbare Pfade vergleichen zu können.
Aber eins ist ja bei der Relation eh klar: wir müssen einen erheblichen Teil der energieintensiven Industrien einfach schrittweise komplett abschreiben. Die haben sich immer nur gelohnt unter der Annahme, dass Energie billig ist und bleibt...

@markus_quandt @pikarl

Mir ist gerade eingefallen, dass das, was du willst, für die globale Situation im IPCC-Bericht Bd. 3, der im April erschien, gemacht wurde. Ich such das mal raus...

Ob es ähnliches für Deutschland gibt, weiß ich nicht.

@StephanMatthiesen Ziemlich interessant, danke! Hast Du dafür auch Quellenangaben, wo man Deine Voraussetzungen nachlesen kann?

@grischa
Wichtige Frage, natürlich sollte ich Quellen nennen.

Die Grundlagen über das Treibhauspotenzial verschiedener Gase (Methan 20-80) findet man überall.

Für die Abschätzung der Methanverluste bei der Produktion schau ich mal genauer nach. Vieles kommt einfach als Hintergrundwissen von einem Projekt zur Messung von Treibhausgasen, an dem ich beteiligt war, siehe:

Atmos. Chem. Phys. Discuss. 2018: 1–52. doi.org/10.5194/acp-2018-135.

@grischa Helfen die Quellen, die ich jetzt auch im Hauptthread ergänzt habe, oder fehlt noch was?

@StephanMatthiesen
Nein, das reicht schon. Schon die Aussage, dass Du Dich persönlich intensiv damit beschäftigt hast, gibt mir schon ein "gutes Gefühl", aber ich schaue mir auch noch mal den Link genauer an.
Danke! :)
@StephanMatthiesen , ja, ich bin mir der Ambivalenz Deiner Argumente bewußt. Ich sehe auch einen Kriegsgrund "für" Putin bei den Fellen, die ihm weg schwimmen, je mehr regenerative Energien wir schaffen. Mehr Kohle verfeuern heißt aber auch, mehr Lebensraum vernichten. In Lützerath entscheidet sich die 1,5°-Grenze. Ich habe keine Lösung parat und auch keine Hoffnung auf eine positive.

@diritschka
Klar. Es war keineswegs ein Plädoyer für die Kohle.

Leider haben wir in der Vergangenheit viel total falsch gemacht, und ohne Zeitmaschine können wir das ja jetzt nicht mehr ändern und sind gezwungen, auch Notlösungen zu bedenken, die man aber gegeneinander abwägen muss.

Ich habe auch nur rein den Klimaaspekt betrachtet, nicht andere Folgen wie Lebensräume, was aber bei neuen Gasfeldern auch passiert, nur eben nicht in Deutschland, wir also wieder Probleme exportieren.

@StephanMatthiesen @diritschka Das Stichwort Lützerath finde ich in diesem Kontext sehr spannend, denn Lützi ist nun mal ein starkes Symbol. Dürfte man es opfern, wenn das bedeutet, dass im Gegenzug auf neue Gasinfrastruktur nebst längerfristigem Lock-in verzichtet werden kann? Hui, heikel …

@ChW @diritschka
Tja, und andererseits gibt es auch in Senegal, Angola und Nigeria Orte, die durch die neuen Gasfelder zerstört werden und Symbole sein könnten, aber uns unbekannt sind.

@StephanMatthiesen @diritschka
Ja, das scheint mir ein wesentliches Teilproblem des an Teilproblemen wirklich nicht armen Komplexes „Klima“ zu sein: zu viele nationale oder regionale Eigeninteressen und zu wenig der Blick aufs große Ganze.

Wie können wir ernsthaft #ClimateJustice einfordern – die anders als global ja gar nicht gedacht werden kann – und uns dann so stark auf lokale Symbole fokussieren? (Anm.: Mir ist bewusst, dass Symbole wichtig sind – für die Identifikation, die Mobilisierung usw. Aber sie sollten möglichst nie absolut gesetzt werden.) Nationale Egoismen sollten wir der fossilen Seite überlassen, da sind sie schlimm genug.

@StephanMatthiesen danke, du schreibst wie immer sehr interessante Threads!

Hier weiß ich jetzt nicht, ob mich das nun etwas beruhigen soll, oder auch nicht. Hintergrund: Man überlegt, in Österreich ein Kohlekraftwerk wieder in Betrieb zu nehmen, da die Versorgung mit Gas wohl immer weniger verlässlich scheint.

@WandernAustria Danke!
Tja, Kohlekraftwerke sind natürlich immer noch sehr schlecht, das ist alles keine schöne Situation, nur eine Notlösung. Ich denke, das wichtige ist, dass keine neuen Anlagen gebaut werden, weil die dann auch wieder 30 Jahre in Betrieb bleiben. Alte Anlagen am Ende ihrer Lebensdauer nochmal zu reaktivieren ist viel begrenzter.

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